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    Friedrich List (1789 - 1846)    
         
   
6.8.1789   geboren in Reutlingen
1817  Professor für Staatsrecht in Tübingen
1819  Gründung des "Deutschen Handels- und Gewerbevereins" zur Vorbereitung der deutschen Zolleinigung
1822  Verurteilung wegen "Aufreizung gegen Staatseinrichtungen"
Juli 1824 - Januar 1825  Haft in der Festung Hohenasperg
1825  Emigration in die USA, amerikanischer Staatsbürger
1830  Rückkehr nach Baden
1832  Ernennung zum amerikanischen Konsul für Baden
1834  Ernennung zum amerikanischen Konsul in Leipzig
1841  Wirtschaftswissenschaftliches Hauptwerk: "Das nationale System der politischen Ökonomie"
30.11.1846  Freitod in Kufstein
   
   

 

Friedrich ListBereits diese wenigen Daten lassen das bewegte Leben Friedrich Lists erahnen. Neben seinem Engagement als Staatsrechtsprofessor, Wirtschaftspolitiker, Unternehmer und Eisenbahnpionier ist vor allem sein wirtschaftstheoretisches Werk zu erwähnen. Darin stellt er sich gegen die zu seiner Zeit herrschende „klassische" Theorie (Adam Smith), nach der allein die menschliche Arbeit - international arbeitsteilig organisiert und frei von jeglicher staatlicher Lenkung, lediglich den Gesetzen des freien Marktes folgend - die Voraussetzung des wirtschaftlichen Fortschritts sei. List begnügt sich damit nicht, sondern er fordert in seiner Theorie der „produktiven Kräfte", dass durch politische, wirtschaftliche und geistig-kulturelle Weichenstellungen des Staates gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen seien, die den Menschen zu umfassendem ökonomischen Handeln motivieren. Dies garantiere, so meint List, für die Zukunft mehr Wohlstand als eine alleinige Ausrichtung auf die kostengünstigste Produktion materieller Güter, denn es „sind die, welche Schweine großziehen, Dudelsäcke oder Pillen fabrizieren, produktiv, aber die Lehrer der Jugend und der Erwachsenen, die Virtuosen, die Ärzte, die Richter und Administratoren sind es in einem noch viel höheren Grade. Jene produzieren Tauschwerte, diese produzieren produktive Kräfte." (F. List, Das nationale System der politischen Ökonomie, Aalen 1971, S. 182)

Als Voraussetzungen für die Freisetzung der produktiven Kräfte forderte List eine freiheitliche Staatsverfassung mit effektiven öffentlichen Institutionen, den Ausbau der Infrastruktur (Transport-, Post- und Geldwesen) und die Entwicklung des „geistigen Kapitals" (Wissenschaft, Kunst, Moralität, Religiosität). Lists „Theorie der produktiven Kräfte" ist somit wesentlich umfassender als die „ökonomische" Theorie der Klassiker, denn sie erklärt die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur durch naturgesetzlich wirkende Marktgesetze. List hat also schon früh erkannt, dass das Marktgeschehen selbst Ergebnis einer historischen Entwicklung ist - eingebettet und abhängig von gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Dass sich List - wie sein Lebenslauf beweist - mit seinen Thesen bei den Mächtigen seiner Zeit nicht gerade beliebt machte, ist einsichtig. Immerhin forderte er ein geeintes Deutschland mit einem Staats- und Wirtschaftssystem, das der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer im Grundgesetz verankerten sozialen Marktwirtschaft recht nahe kommt. Obwohl Lists - im besten Sinne modernes - Werk in viele Sprachen übersetzt wurde, spielen seine Erkenntnisse in der heutigen wirtschaftspolitischen Diskussion kaum eine Rolle. In dieser Geringschätzung wiederholt sich die Tragik, die weite Strecken seines Lebens kennzeichnete.

„Wäre List nicht als Deutscher - noch dazu im extrem reaktionären Württemberg - auf die Welt gekommen, sondern in England oder Frankreich [...], oder wäre er der US-Bürger geblieben, der er werden musste, nachdem ihn die württembergischen Behörden [...] zur Emigration und Abgabe seines Passes zwangen - er stünde ganz vorn im Pantheon der großen und unsterblichen Welt-Ökonomen. (F. Hankel, Weltökonom, Kosmopolit und Patriot, Friedrich Lists ungebrochene Aktualität. In: Ev. Kommentare, 8/1989, S. 35 ff.)