Gefängnisleiter in der FLS und FLS´ler im Gefängnis

Gefängnisleiter in der FLS und FLS´ler im Gefängnis Gefängnisleiter in der FLS und FLS´ler im Gefängnis

 

Gefängnisleiter in der FLS und FLS´ler im Gefängnis
FLS´ler diskutieren mit Experten Fragen zu Kriminalität und Strafe

Vielfältig, hitzig und kontrovers diskutierten die Ethikkurse im Bereich der Lagerlogistikausbildung das Thema Strafe und Kriminalität. Das System des Strafvollzugs wurde beleuchtet, aber auch wie Resozialisierung erfolgen soll und ob diese Vorstellungen realisierbar sind. Außerdem beschäftigten sich die Schüler mit der Frage, weshalb Menschen Straftaten begehen und was es bedeutet, richtig zu strafen bzw. ob dies überhaupt möglich ist. Immer wieder stießen die Schüler auf ethische und gesellschaftliche Grenzfragen und wollten diese auch einem Experten stellen. Auf Einladung der Ethiklehrerin Marcella Späth stand mit Thomas Müller, Gefängnisleiter der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe sowie ehemaliger Staatsanwalt, ein echter Experte im Bereich des Strafvollzugs den Schülern Rede und Antwort. Drei verschiedene Ethikkurse besuchte der Experte im Januar 2020 und diskutierte mit den Schülern ehrlich und kritisch über das Thema Strafe und Strafvollzug. Dabei berichtete er anschaulich aus dem Gefängnisalltag und von aktuellen Fällen. Sehr interessiert und gespannt folgten die Schüler Müllers Worten und nahmen viele neue Denkanstößen aus den Gesprächen mit.

Aufgrund des großen Interesses lud Thomas Müller weitere Ethikschüler zu einer Besichtigung der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe ein. Lehrerin Marcella Späth und Schüler aus dem Bereich der Öffentlichen Verwaltung sowie des Wirtschaftsgymnasiums nahmen diese Einladung umgehend an und besuchten die JVA am 7. Februar 2020. Auch diese Schüler beschäftigten sich zuvor im Rahmen der Lehrplaneinheit Kriminalität und Strafe mit der Frage des "richtigen" Strafens sowie mit dem deutschen Strafvollzug und der Wirksamkeit des Resozialisierungsgedankens deutscher Gefängnisse. Es wurde über gerechte und ungerechte Strafen diskutiert, aber auch darüber, wie menschenwürdiger Strafvollzug aussehen könnte. Auch diese Schüler konnten die dabei aufgetretenen ethischen und sozialkritischen Fragen dem Experten Thomas Müller stellen.

Nachdem Schüler und Lehrerin alle Sachen eingeschlossen und ihre Ausweise abgeben hatten, führte Müller die Besucher gemeinsam mit einem Justizvollzugsbeamten durch sämtliche Räumlichkeiten der JVA, die in Karlsruhe eine Untersuchungshaft ausweist. Den FLS´lern wurde eine gewöhnliche Zelle von 8qm gezeigt, die aufgrund von Platzmangel mit zwei Personen belegt war. Weiterhin bekamen sie Einblicke in den Tagesablauf, sahen Arbeitsplätze sowie angebotene Freizeitaktivitäten für die Häftlinge. Während des gesamten Aufenthalts war ein schwerer Geruch aus Rauch und Schweiß wahrnehmbar, der laut Thomas Müller in vielen Gefängnissen üblich sei. Müller erklärte außerdem die außergewöhnliche Architektur des Gefängnisses und weshalb man ein rundes Gefängnis mitten in die Stadt baut, sodass es sich von anderen öffentlichen Gebäuden nicht unterscheidet. Den Besuchern wurde sehr schnell bewusst, welch ein großes Gut die persönliche Freiheit ist und was es bedeutet, wenn diese eingeschränkt wird. So haben die Häftlinge einen strikten Tagesablauf, der bereits um 5.30 Uhr beginnt und um 17 Uhr endet. Ab dieser Uhrzeit verbringen die Häftlinge ihre Zeit bis zum nächsten Morgen in ihrer kleinen "begrenzten und übersichtlichen" Welt. Tagein, tagaus. Am Ende des ausführlichen Rundgangs nahm sich Thomas Müller viel Zeit, um alle Fragen der Schüler zu beantworten und diskutierte mit diesen kritisch über seine Arbeit und die Bedeutung von Strafe. Es war für alle ein außergewöhnlicher Lernort, der noch lange nachwirken wird und viele neue Perspektiven auf das Thema Strafe eröffnete, um nicht nur in schwarz und weiß Tönen zu argumentieren. Am Ende des Besuches war jeder Einzelne froh, als sich das große Tor zurück in die Freiheit wieder öffnete und alle in die Gesellschaft zurückkehren konnten.

Vielen herzlichen Dank an Thomas Müller für sein großes Engagement.

Bericht: Marcella Späth